Ein Haus für überall VITRA BAUT RENZO PIANOS KLEINSTHAUS

Seit Juni 2013 steht auf einem kleinen Hügel zwischen Vitra-Haus und Buckminster Fullers Dome das bisher kleinste Gebäude des Vitra-Campus’, das gleichzeitig das grösste Produkt von Vitra ist: «Diogene» von Renzo Piano. Mit seinem Renzo Piano Building Workshop (RPBW) und Vitra hat der Pritzkerpreisträger seine Idee einer minimalen Behausung aus Studientagen zur Produktion gebracht. Die Arbeit daran hat er vor etwa 10 Jahren aufgenommen, im Herbst 2009 wurde der damals aktuellste Prototyp im monografischen Heft «Being Renzo Piano» der italienischen Zeitschrift «Abitare» publiziert, wodurch Rolf Fehlbaum, Chairman von Vitra, darauf aufmerksam wurde. Er fühlte sich vom hölzerne Satteldachhaus mit 2,4 x 2,4 Metern Grundfläche, einer Firsthöhe von 3,2 Metern und einem Gewicht von 1,2 Tonnen ebenso angesprochen wie von Pianos Vermerk, dass es eines Auftraggebers bedürfe, um «Diogene» weiterzuentwickeln. Rolf Fehlbaum sieht sich mit Vitra nicht als Hersteller von einzelnen Designobjekten, sondern begreift Möbel als essentiellen Teil der menschlichen Umwelt, die den Lebensraum des Menschen immer wieder neu qualifizieren, so beispielsweise die Wohnlandschaften der Sechziger- und Siebzigerjahre.


Und «Diogene» ist eine (wieder) neue Qualifikation einer Behausung. Als sich Renzo Piano und Rolf Fehlbaum, die zu dieser Zeit beide der Pritzker-Preis-Jury angehörten, Ende Ende Juni 2010 trafen, vereinbarten sie, das Projekt «Diogene» gemeinsam weiter voranzutreiben. Nach dreijähriger Entwicklungsarbeit wurde anlässlich der Art Basel 2013 ein neuer Prototyp von «Diogene» präsentiert, der gleich einer Versuchsanordnung erlaubt, das Potenzial des minimalen Hauses zu erproben. Aufgrund der Komplexität des Projekts liess Vitra erstmals das Publikum an einem noch nicht serienreifen Produkt, an dessen Erprobung teilhaben.

(Inspiration-)Geschichte des Kleinsthauses

Gemäss dem römischen Architekten, Ingenieur und Architekturtheoretiker Vitruv (Zeitgenosse von Caesar und Augustus) markiert das einfache, archaische Haus in der Natur den Beginn von Technik und Architektur. Der Kupferstich der vitruvianischen Ur-Hütte, welcher der 1755 erschienenen 2. Auflage von Marc-Antoine Laugiers «Essai sur l’Architecture» beigegeben wurde, beweist, dass die Idee eines auf das Minimum reduzierten Hauses im 18. Jahrhundert auf erneutes Interesse stiess. Seither hat dieses Architekten immer wieder aus unterschiedlichsten Gründen fasziniert: Im Vordergrund standen für die einen formale Aspekte, für andere soziale Überlegegungen. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde die «Wohnung für das Existenzminimum» diskutiert, in den 1960er-Jahren ging es vom Strukturalismus geprägt um zu Clustern zusammenzufügende Minimalzellen und in den letzten Jahren um mobile Wohnstrukturen zum Einsatz bei Naturkatastrophen oder in Kriegsgebieten.

Bei «Diogene» handelt es sich nicht um eine Notunterkunft, sondern um einen freiwillig gewählten Rückzugsort. In der Ausstellung im Dome auf dem Vitra-Campus wurde im Juni veranschaulicht, wie «Diogene» in verschiedenen Klimabedingungen und unabhängig von bestehender Infrastruktur, als autarkes System funktionieren kann. Das Haus sammelt selbst das benötigte Wasser und gibt es nach der Nutzung gereinigt zurück in den Kreislauf der Natur. Mit 2,5 x 3 Metern Grundfläche lässt sie sich komplett zusammengebaut und eingerichtet auf einen Lastwagen verladen und an einen beliebigen Ort
transportieren. Dem von aussen betrachtet einfachen Haus liegt ein hochkomplexes technisches Gebilde zugrunde: Photovoltaik-Zellen und Solarpaneele zur Energiegewinnung, Regenwassertank, biologische Toilette, natürliche Belüftung, Dreifach-Isolierverglasung. Hierfür zog Renzo Piano Spezialisten bei, für die energietechnische Optimierung Matthias Schuler von Transsolar zusammen, für die Statik ist Maurizio Milan.
Die Innenaustattung bietet alles, was man zum Leben braucht. Den vorderen als Wohn- und Schlafraum dienenden Teil teilen sich ein Bettsofa mit integriertem Stauraum und ein Klapptisch unterhalb des Fensters. Im hinteren Teil, durch eine Tür abtrennbar befinden sich eine Kleinstküche sowie Dusche und Toilette. Die beiden letzteren teilen sich eine Drehtürwand. Die Holzkonstruktion verleiht dem Innenraum Wärme und ist mit einer Aluminiumverkleidung versehen, die das Haus vor Witterung schützt. Herausforderung war es, dieses komplexe Produkt so zu planen, dass es sich für eine industrielle Fertigung in Serie eignet und unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten bietet. «Diogene» kann ebenso gut ein kleines Wochenendhaus wie ein kleines Büro sein, in der Natur in unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen oder in vereinfachter Variante in einem Open-Space-Office aufgestellt werden. Auch eine «Diogene»-Gruppensiedlung ist denkbar, etwa als einfache Unterkünfte mitten in der Natur, wo extensive bauliche Massnahmen unerwünscht sind.