Ehemaliger Pfarrhof Balzers FARBENFROHE GESCHICHTE(N)

Architekten mögen es nicht unbedingt, wenn man ihnen auf der Baustelle reinredet. Tabea Voigt und Johannes Florin, Johannes Florin Architektur, hingegen waren froh über die zahlreichen Geschichten, die die Balzner Bevölkerung ihnen erzählte, denn die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur sei die Basis des Projektes Kulturhaus Alter Pfarrhof der Gemeinde Balzers im Fürstentum Liechtenstein, wie sie erklären. Die Architekten aus Maienfeld haben den Wettbewerb zur Umnutzung des ehemaligen Pfarrhofs gewonnen, obwohl oder weil sie vieles anders machten als im Wettbewerbsprogramm gefordert. Das Sichtbarmachen der Spuren der Zeit war für sie zentral. Es ist auch viel passiert, bis die Gemeinde Balzers auf Initiative einer privaten Gruppierung 2008 den Wettbewerb zur Umnutzung des Alten Pfarrhauses in ein Museum und Kulturzentrum ausschrieb. Der Dorfpfarrer, der von jeher aus dem Bistum Chur stammte, musste dafür nicht aus seinem Heim vertrieben werden; er bewohnt seit 1976 das neue Pfarrhaus, und das alte Pfarrhaus wurde zwischengenutzt – zum Beispiel als Weltladen, Kindergarten und zuletzt als Wohnhaus für tibetische Flüchtlinge. Der barocke Bau wurde 1733 bis 1739 erstellt und ist Teil des Pfarrhofes. Zum Hof gehören auch ein grosser Stall, die Grundmauern der Kirche mit dem ehemaligen Friedhof, ein Mesnerhaus, ehemalige Stallungen und ein grosser Garten. Ein Brand zerstörte bereits 1795 die ursprüngliche Bebauung des Pfarrhofes, juris­tische und finanzielle Probleme bescherten dem Ensemble in der Folge eine turbulente und unstete Zeit. Nun sind die Zeichen der Zeit in Form einer Kulturgütersammlung von über 11 000 Objekten und Dokumenten im Feuerwehrdepot ausgestellt. Im Pfarrhof ­finden Wechselausstellungen statt. Der ­erwähnte Wettbewerb suchte ursprünglich nach ­einem Projekt für ein Museum im alten Pfarrhaus. Tabea Voigt und Johannes Florin war das aber nicht genug: Sie schauten bis zu den Ställen, kümmerten sich mit Müller Illien Landschaftsarchitekten um die Spuren in der Umgebung, den Obstgarten und den Pfarrgarten, der nun von den Balzner Kräuter­frauen gepflegt wird. Natürlich wurde auch das alte Pfarrhaus saniert, wo nun die Fäden des Balzner Kulturlebens zusammenlaufen. Die Architekten suchten nach der Seele und den unterschiedlichen Spuren der Geschichte im vielschichtigen Baudenkmal. Sie legten frei, ergänzten und ersetzten, wo es nötig war. Trotz der ursprünglichen Aufgabe, ein Museum zu erstellen, ist der Alte Pfarrhof nun kein neutrales weisses Gefäss, keine «White Box», die hinter den Exponaten zurücktritt. Die Architekten suchten nach den Spuren der Geschichte und lauschten den Geschichten der Bevölkerung, um diejenige des Pfarrhofes wieder farbig auszumalen und für die Gegenwart und die Zukunft lebendig zu bewahren.