Design und Wohnen Leuchtende Farben

In der Farbmanufaktur kt. Color werden Farben noch mit natürlichen Pigmenten hergestellt. Die Grundidee Katrin Trautweins war es, die Farben von Le Corbusiers zu reaktivieren. So startete sie erfolgreich ihre kleine Manufaktur, in der sie mittlerweile nicht nur 225 leuchtende Farben produziert, sondern auch Fachwissen vermittelt. Viele, nicht nur private Personen, sondern auch Spezialisten wie Architekten und Maler kommen zu ihren Events. Hier zeigt Katrin Trautwein wie man Farben einsetzt, um die Architektur richtig in Szene zu setzen. Katrin Trautwein hat mir auf einer Führung durch ihr Unternehmen viel Neues erzählt und Interessantes gezeigt.


Wie haben Sie mit dem Unternehmen gestartet?
Ich hatte das Glück über einen Wettbewerb einen «Business-Angel» zu finden. Eine Frau, die selbst aus der Produktion kommt, hat ihr Geld vom Aktienmarkt genommen und wollte damit Frauen bei der Unternehmensgründung unterstützen. Die meisten Frauen wollten eine Dienstleistung anbieten. Aber sie hatte besondere Freude daran, dass ich etwas produzieren wollte. Obwohl alle gesagt haben, man könne nicht rentabel in der Schweiz produzieren, vor allem bei einem Lowtech-Produkt, hatte sie keine Angst davor. Dann fingen wir mit der Produktion der Le Corbusier-Farben an. In unserem Schaukasten zeigen wir eine alte Pigmentkollektion von 1920. Man hatte 1920 eine grosse Menge von verschiedenen Farbstoffen zur Verfügung. Heute benutzt die Industrie gerade noch 14 Färbemittel, die alle synthetisch hergestellt werden. Mit diesen 14 Farben werden alle Abstufungen gemischt. Wir haben mit unserer Auseinandersetzung mit Le Corbusier-Farben gemerkt, dass früher etwas viel Sinnlicheres zur Verfügung stand.

Früher hat man also nur mit in der Natur vorkommenden Produkten gearbeitet?
Oder mit einfachen Modifikationen. Zum Beispiel blaugrüne Kupfersulfatpigmente oder mit Schwefel versetzte weisse Porzellanerde, was zu Ultramarinblau wird.

Die Pigmentfarben wurden früher auch für verschiedene Produkte wie Wände oder Kleidung verwendet?
Wände, Kleidung oder Papiere. Wir haben eine Papierkollektion von 1921. Man hat damals auch schon überlegt, wie man schöne Farbkonzepte macht. Ein Amerikaner, Mr. Cleland, hat ein Konzept erarbeitet und Farbkarten erstellt, bei denen man die verschiedenen Farben und ihre Wirkung miteinander testen kann.

Im Moment gibt es ja eine Bewegung zurück zu natürlichen Produkten und zur Handarbeit. Macht sich das auch bei Ihnen bemerkbar?
Wir sind ein klassisches Nischenprodukt. Bei uns funktioniert Mund zu Mund Propaganda. Wir merken, dass grosse Hersteller versuchen so zu tun, als wären sie Manufakturen, die natürlich produzieren. Aber am Ende merkt man den Unterschied. Unsere Kunden kommen auch meistens zur Besichtigung in unsere Manufaktur und hier merken sie die Authentizität des Unternehmens und des Produkts. Das ist wichtig. Grundsätzlich finde ich diese Bewegung aber gut. Alles, was den Menschen mehr in Einklang mit der Natur bringt, ist etwas Gutes.

Wie haben Sie Ihre Farbkollektion erarbeitet?
Von den Le Corbusier-Farben von 1930 oder auch von Adolf Loos haben wir Musterfarbkarten. Stücke davon haben wir unter dem Mikroskop analysiert. Die Farben, die wichtig sind, nehmen wir in unser Sortiment auf. Oft kommen Kunden und sagen, ein Farbton ist zu grünlich oder zu kalt, dann entwickeln wir eine Farbe dazwischen. Manche davon werden zu richtigen Bestsellern. Ich habe den Eindruck, dass die alten Farben, fürs Glühbirnenlicht konzipiert wurden, denn sie harmonisieren heute nicht mehr mit den modernen Leuchtmitteln. Die neuen Farbmischungen, die wir erstellen, sind oft eine Optimierung für die neuen Lichtverhältnisse. Es kommt natürlich auch darauf an, mit welchen anderen Farben sie korrespondieren.

Wie kreieren Sie die neuen Farben?
Wir mischen Pigmente zusammen, bei denen wir denken, dass es ein ausgewogenes Ergebnis gibt. Ist das neue Produkt für einen Kunden, schicken wir ein Beispiel und sie sagen uns, ob es ihnen gefällt oder noch etwas heller oder dunkler sein soll. Für die Farbemulsion mischen wir geriebene Farbpigmente zum Beispiel mit geriebenem Kalkstein, Wasser und Entschäumer. Alles wird in einer Maschine stark verrührt, sodass sich alle Substanzen möglichst fein verteilen. An der Oberflächenstruktur kann man erkennen, ob die Mischung gut ist und zum Schluss gibt man einen Zelluloseleim, Weissleim, Silikat oder Kasein dazu. Das kommt immer darauf an, welches Pigment wir verwenden. Ölfarbe und Lacke sind die einzigen Farben, die wir mit Lösemittel ansetzen. Wenn die fertige neue Farbe nach einer historischen Vorlage kreiert wurde, bekommt sie einen historischen Namen. Wurde sie für einen Kunden kreiert, heisst sie zum Beispiel nach dem Kunden. Neue Farben benutzen wir auch in der Kundenberatung. Sobald wir merken, sie erfüllt ein Bedürfnis und wird oft nachgefragt, nehmen wir sie ins Standardsortiment auf.

Wie viele Farben umfasst Ihre Kollektion?
Wir haben im Moment 225 verschiedene Farben im Sortiment. Diese Kollektion führen wir noch bis November 2015 und danach wird es ein überarbeitetes Angebot geben.

Und man kann alle Farben gleich verwenden?
Es gibt zum Beispiel Schatten- und Lichtfarben. Schattenfarben wirken im Schatten besonders samtig. Man kann so mit dem Licht und der Architektur arbeiten und verfälscht das Ergebnis nicht. Man muss nicht zwanghaft versuchen Licht in den Innenraum zu bringen, sondern kann eine Schattenfarbe verwenden, welche auf dunklen Wänden brillanter sind. Ölfarben nutzt man für Fassaden oder Fensterläden. Man kann fast alle Farben auch in Öl herstellen aber zum Beispiel Ultramarin nicht. Die Pigmente werden transparent.

Wie verändert sich die Raumwirkung, wenn Sie die richtigen Farben einsetzen?
Architekten haben zu früheren Zeiten viel darüber gewusst, welche Farben für die architektonischen Gegebenheiten geeignet sind. Heute ist ja meistens alles weiss. Wir haben viel aus alter Literatur gelernt. Zum Beispiel um den Raum als Einheit zu behalten, wird die Decke grau gestrichen, so sieht sie höher aus. Grau fällt weniger auf als weiss, man sieht das Helle sehr viel schneller als das Dunkle. Das sind einfache Möglichkeiten einen Raum richtig zu inszenieren. Oder mit einer starken Farbe wie Rot. Streicht man nur eine Wand, wirkt dieses in den Raum reingestellt. Zieht man die Farbe um die Ecke, bekommt das Ganze eine Schwere, eine Körperhaftigkeit. Um zu lernen, wie man Farben richtig anwendet, bieten wir Seminare für Fach- und Privatpersonen an.

Wird in Ihrer Manufaktur alles von Hand erledigt?
Wir beschäftigen 18 Personen und produzieren 100 Tonnen Farbe pro Jahr. Dadurch, dass wir die natürlichen Rohstoffe verwenden, muss man die Rezepturen immer wieder anpassen. Das ist immer Handarbeit. Einen Kessel Farbe kann man noch von Hand abwiegen. Wollten wir grössere Mengen produzieren, müssten wir anfangen automatische Abfüllanlagen einzusetzen. Das wäre das Ende von unserer Arbeit mit Naturpigmente. Da kann man dann nicht mehr dreihundert Kilogramm produzieren, das fängt dann bei Tausend an. Bei uns bedeutet Handarbeit, dass ein Mitarbeiter zwei Stunden an einer Charge Farbe steht. Er nimmt Korrekturen vor, bis der Farbton dem vorhergehenden entspricht. Wir stellen auch handgestempelte Echtheitszertifikate aus.

Woher beziehen Sie ihre Farbpigmente?
Wir geben amerikanischen und europäischen Farbpigmenten den Vorzug. Lapislazuli bekommen wir aus Afghanistan. Das gibt es nur dort. Wir nehmen keine billigen Pigmente aus China oder Billiglohnländern. Das ist aus unserer Sicht nicht nachhaltig. Das Pariser Blau kommt zum Beispiel aus Deutschland. Die Ockertöne kommen aus Italien, diese Pigmente machen sehr schöne sandige, leuchtende Fassadenfarben.

Wo sind Ihre Farben überall erhältlich?
In Deutschland verkaufen wir ungefähr 40 Prozent und in der Schweiz circa 55 Prozent unserer Produkte. Vereinzelt auch in Belgien, Holland und New York. Es ist sehr aufwendig, die Farbe so weit zu exportieren. Wir haben kein grosses Lager oder die Kunden haben Spezialwünsche, und bis die Farbe in Amerika auf der Baustelle ist, dauert es ewig. Zudem müssten wir, um in vielen Ländern zu verkaufen, mehr produzieren, was wiederum eine echte Manufaktur schwierig macht. Und das wollen wir nicht.